In Israel verstört gerade der Linguist Gilad Zuckermann mit seinem Buch Israelit Safa jafa (Israelisch – eine schöne Sprache) die israelische Form des Sprachbewahrers. Zuckermann behauptet einfach ganz frech, dass für die heute in Israel gesprochene Sprache „Hebräisch“ der falsche Ausdruck sei, weil diese nicht genügend Gemeinsamkeiten mit dem biblischen Hebräisch habe. Israelisch und Hebräisch seien letztlich verschiedene Sprachen, Israelisch eine Mischsprache, die zwar bewusst hebräische Wörter verwende, sich aber unterbewusst aus den Muttersprachen seiner Erfinder speise: hauptsächlich Jiddisch, aber auch Russisch, Deutsch, Ladino, Polnisch, Arabisch und weiteren Sprachen. Anders als Sprachwächter in Deutschland, die nur jedes englische Wort bekämpfen müssen, haben es die hiesigen also gleich mit einem Generalangriff zu tun: quasi Deutsch in Deutschländisch umzubenennen.
Ich kann zur Debatte selbst fast nichts beitragen, natürlich ist jedem, der sich nur ein bisschen mit der hebräischen Sprache beschäftigt hat klar, wie viele Begriffe beispielsweise aus dem Deutschen kommen: quetschen, Stecker, Spachtel, alte Sachen, Dübel, Schluck, Biss, Strudel (@), Wischer, etc. (Schin weist auf die lustige Tatsache hin, dass viele dieser Begriffe von Handwerkern benutzt werden, welche meistens Sepharden ≠ deutsch/jiddische Juden sind). Aber Zuckermann geht es nicht um einzelne Wörter, sondern um den Charakter, um die innere Logik der Sprache.
Er meint, man könne Hebräisch und Israelisch nicht auf die selbe Stufe stellen wie Altgriechisch und Neugriechisch oder Altenglisch und Neuenglisch:
Griechisch und Englisch haben sich über Jahrhunderte natürlich entwickelt. Große grammatikalische und vokabularische Veränderungen sind im täglichen Gebrauch natürlich entstanden. Eine solche natürliche Entwicklung gab es mit der hebräischen Sprache nicht, also dürften starke Veränderungen nicht zu rechtfertigen sein. Auf diesen Einwurf ist oft geantwortet worden, dass im Gegensatz zu einem Griechen ein Hebräer die tausend Jahre alten Texte problemlos verstünde.
Zuckermann kann aber zeigen, dass säkulare Israelis die Bibel nicht verstehen können. Er gab einer gemischten Gruppe einen Text aus Jesaja mit dem Gebnis, dass sie nicht nur Verständnisschwierigkeiten in Bezug auf „Lexis, sondern – und das ist noch wichtiger – auch Struktur, Stimmungen, Zeiten“ hatten.
Israelisch kennt bedeutungsverändernde Silbenbetonungen. Wenn z.B. tzfoni auf der letzten Silbe betont wird, bedeutet es „nördlich“, wenn es auf der ersten Silbe betont wird, handelt es sich um ein Slangwort, das so viel wie Snob bedeutet. Auch die Syntax eines Satzes kann zur Betonung eines Sachverhalts verändert werden; eine Möglichkeit, die sicher aus dem Jiddischen herkommen müsse.
Die Wege, die die Muttersprachen dabei nehmen, um sich ins Hebräische einzuschmuggeln, sind dabei oft recht verschlungen. Aber ein Fremdkörper hatte dann eine größere Überlebenschance, wenn er gleich in mehreren Muttersprachen Entsprechungen hatte. So bezieht sich Zuckermann beispielsweise auf das Wort „Tayar“, welches klassisch „Führer“, im Israelischen aber „Tourist“ bedeutet. Weil das Wort dem Deutschen, wie auch dem Jiddischen, Englischen und Polnischen klanglich ähnle, sei es mit dieser neuen Bedeutung ins Israelische gekommen.
Mit all dem ist wohl teilweise der israelische Mythos zerstört, eine Wiedergeburt des Hebräischen geschafft zu haben. Was aber kreiert wurde, war eine äußerst reiche Sprache, die sich neben dem Althebräischen aus so vielen Sprachen speist, wie sonst wohl nirgends auf der Welt.